Sonntag, 17. August 2014

Boris is back


Zwei Jahre sind seit den Olympischen Spiele in London vergangen, der Moment  des Großevents, der in die (Internet-) Geschichte eingehen dürfte und inzwischen hundertausende Klicks auf Youtube hat, zeigt aber keinen Sportler, sondern ein pummeliger Mann mit platinblonden Haaren versteckt unter einem blauen Helm. Mit zwei britischen Fähnchen in der Hand fuchtelt Boris Johnson, Bürgermeister von London, in der Luft, aber es hilft nichts. Er steckt fest in luftiger Höhe in der Mitte einer Drahtseilbahn, die er mutig hinab schlittern wollte um medienwirksam die Olympischen Spiele zu promoten. Aber Boris Johnson wäre nicht Boris Johnson, wenn er die zugegeben peinliche Situation nicht mit einem flotten Spruch für sich gewinnen könnte: „It´s not very well organised, is it? Get me a ladder!” 

  Boris´ zip wire-episode
Ein typischer BoJo den Spitznamen hat ihm die britische Klatschpresse verpasst. Boris, BoJo, hat seit Amtsantritt 2008 ein gewisses Faible für Fettnäpfchen entwickelt. So macht er sich in anderen Städten stets beliebt (“Here we are in one of the most depressed downs in southern England, a place that is arguably too full of drugs, obesity, underachievement and Labour MPs”) und findet die richtigen Worten, wenn es darum geht Großevents zu bewerben (in einer Kolumne über die Olympischen Spiele fühlt sich Boris von „semi-naked women playing beach volleyball in the middle of the Horse Guards Parade“ inspiriert, die er mit „wet otters“ verglich). Auch auf dem internationalen Parkett lässt er sich, was Peinlichkeiten angeht, nicht zweimal bitten. Auf einer Konferenz mit dem malaysischen Premierminister behauptete Johnson beispielsweise 2013 kühn, dass Frauen Universitäten nur besuchen, um einen Ehemann zu finden. 

Jedem anderen Politiker hätten solche Fauxpas längst das Amt gekostet, nicht so Boris. Mit ihm wird es eben nie langweilig, er ist unterhaltsam, entertaining. Nicht nur die Londoner, sondern auch ein Großteil der Briten liebt ihn dafür. Dieser Witzbold mit der zerzausten Frisur, dessen Mund schneller zu plappern scheint, als sein Hirn denkt, soll jetzt die Rettung für die Tories, die konservative Partei von Premierminister David Cameron bei den nationalen Parlamentswahlen 2015 sein – jedenfalls, wenn man den britischen Medien glaubt. 

Vor ein paar Wochen ließ Boris die Bombe platzen: Er möchte wieder – aller vorherigen Äußerungen entgegen – im nationalen Parlament mitmischen und für ein bisschen Schwung in den staubtrockenen Hallen der Houses of Parliament sorgen. Einen „star player“ wie Cameron Boris nennt, brauchen die Conservatives dringend. Mit Dave – so der Spitzname des Premiers – lässt sich im Mai nächsten Jahres nämlich kein Blumentopf geschweige denn eine Mehrheit im Parlament gewinnen. Die Umfragewerte sind im Keller und die euro(pa)skeptische United Kingdom Independence Party (Ukip), die gegen Immigration und die EU hetzt, im Aufwind. 

     Nigel Farage, Vorsitzender der Ukip-Partei, hat gut lachen - Umfragewerte sehen die Partei bei 21 Prozent

Boris könnte das Blatt aber noch drehen. Einer neuen Umfrage zufolge würden die Tories ordentlich an Wählerstimmen zulegen, wenn die Partei Boris als Primeminister nominieren würden anstelle von Dave. Das dürfte Letzteren nicht besonders amusen und Boris witzig, spritziger Kommentar 2010 auf einer Parteiveranstaltung „I am supporting David Cameron purely out of cynical self-interest“ wirkt plötzlich bierernst.  

Blonde bombshell Boris ist aber nicht nur für Cameron eine Gefahr, sondern könnte auch einen Showdown zwischen Großbritannien und der Europäische Gemeinschaft provozieren. Will Cameron eigentlich einen Verbleib in der EU, vorausgesetzt natürlich Zugeständnisse und Reformen zugunsten Großbritanniens, fordert Boris den „Brexit“, also den Ausstieg aus der EU. Großbritannien hat eine „great and glorious future“ außerhalb der EU vor sich, kommentierte er jüngst in einer Kolumne und sichert sich damit bei den Briten, die insgesamt nicht besonders EU- euphorisch sind, tosenden Applaus. 

Mit seiner Anti-EU-Position nimmt Boris Ukip den Wind aus den Segeln, mit seiner Eloquenz und seinem Witz gewinnt er die liberale Jugend und ein Rededuell zwischen Johnson und dem Labour-Vorsitzenden Ed Miliband, der in den eigenen Reihen und in den Medien kaum ernst genommen wird, dürfte der 7:1 Demütigung beim WM-Spiel Deutschland gegen Brasilien gleichen. 
                          Ed Miliband, Labour-Vorsitzender, hat mit einem Image-Problem zu kämpfen
                 Hier: Ed vs. Bacon-Sandwich

Lange Rede kurzer Sinn, Boris ist auf dem Weg nach ganz oben. Dass er gerne der nächste Premierminister wäre und dass das schon seit langem sein Ziel ist, würde er aber nie zugeben. Aller performance auf dem politischen Parkett entgegen, ist Johnson nämlich nicht auf den Kopf gefallen – ganz im Gegenteil. Ausgebildet in den Eliteschmieden des Landes (mit David Cameron war er gemeinsam in Oxford, davor auf der Privatschule Eaton), arbeitete er lange als Journalist bei namhaften Publikationen wie The Times und Daily Telegraph. Boris weiß wie der Hase bzw. das politische Geschäft läuft und was die Leute hören wollen. Seine bewährte Taktik : Sei schlau, stell dich dumm.

        The "essence" of Boris Johnson 
Ein britischer Journalist kommentiert das BoJo-Phänomen neulich ziemlich treffend: „You could find Boris standing over a dead body with a smoking gun and he’d still be able to convince us that it was “nothing to do with me, old chap.” 

Die Frage ist nur, wer am Ende Boris Kugel abkriegt, David „Dave“ Cameron, die EU oder beide. 

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