Zwei Jahre sind seit den Olympischen Spiele
in London vergangen, der Moment des Großevents, der in die (Internet-) Geschichte eingehen dürfte
und inzwischen hundertausende Klicks auf Youtube hat, zeigt aber keinen
Sportler, sondern ein pummeliger Mann mit platinblonden Haaren versteckt unter
einem blauen Helm. Mit zwei britischen Fähnchen in der Hand fuchtelt Boris
Johnson, Bürgermeister von London, in der Luft, aber es hilft nichts. Er steckt
fest in luftiger Höhe in der Mitte einer Drahtseilbahn, die er
mutig hinab schlittern wollte um medienwirksam die Olympischen Spiele zu
promoten. Aber Boris Johnson wäre nicht Boris Johnson, wenn er die zugegeben
peinliche Situation nicht mit einem flotten Spruch für sich gewinnen könnte: „It´s not very well organised, is it? Get me
a ladder!”
Boris´ zip wire-episode
Ein typischer BoJo – den Spitznamen hat
ihm die britische Klatschpresse verpasst. Boris, BoJo, hat seit Amtsantritt 2008
ein gewisses Faible für Fettnäpfchen entwickelt. So macht er sich in anderen
Städten stets beliebt (“Here we are in
one of the most depressed downs in southern England, a place that is arguably
too full of drugs, obesity, underachievement and Labour MPs”) und findet
die richtigen Worten, wenn es darum geht Großevents zu bewerben (in einer
Kolumne über die Olympischen Spiele fühlt sich Boris von „semi-naked women playing beach volleyball in the middle of the Horse
Guards Parade“ inspiriert, die er mit
„wet otters“ verglich). Auch auf dem internationalen Parkett lässt er sich,
was Peinlichkeiten angeht, nicht zweimal bitten. Auf einer Konferenz mit dem malaysischen Premierminister behauptete
Johnson beispielsweise 2013 kühn, dass Frauen Universitäten nur besuchen, um einen
Ehemann zu finden.
Jedem anderen Politiker hätten solche Fauxpas
längst das Amt gekostet, nicht so Boris. Mit ihm wird es eben nie langweilig,
er ist unterhaltsam, entertaining.
Nicht nur die Londoner, sondern auch ein Großteil der Briten liebt ihn dafür. Dieser
Witzbold mit der zerzausten Frisur, dessen Mund schneller zu plappern scheint,
als sein Hirn denkt, soll jetzt die Rettung für die Tories, die konservative
Partei von Premierminister David Cameron bei den nationalen Parlamentswahlen
2015 sein – jedenfalls, wenn man den britischen Medien glaubt.
Vor ein paar Wochen ließ Boris die
Bombe platzen: Er möchte wieder – aller vorherigen Äußerungen entgegen – im
nationalen Parlament mitmischen und für ein bisschen Schwung in den staubtrockenen
Hallen der Houses of Parliament sorgen.
Einen „star player“ wie Cameron Boris
nennt, brauchen die Conservatives dringend. Mit Dave – so der Spitzname des
Premiers – lässt sich im Mai nächsten Jahres nämlich kein Blumentopf geschweige
denn eine Mehrheit im Parlament gewinnen. Die Umfragewerte sind im Keller und
die euro(pa)skeptische United Kingdom Independence Party (Ukip), die gegen Immigration
und die EU hetzt, im Aufwind.
Nigel Farage, Vorsitzender der Ukip-Partei, hat gut lachen - Umfragewerte sehen die Partei bei 21 Prozent
Boris könnte das Blatt aber noch drehen. Einer neuen Umfrage zufolge würden die Tories ordentlich an Wählerstimmen zulegen, wenn die Partei Boris als Primeminister nominieren würden anstelle von Dave. Das dürfte Letzteren nicht besonders amusen und Boris witzig, spritziger Kommentar 2010 auf einer Parteiveranstaltung „I am supporting David Cameron purely out of cynical self-interest“ wirkt plötzlich bierernst.
Blonde
bombshell Boris ist
aber nicht nur für Cameron eine Gefahr, sondern könnte auch einen Showdown zwischen
Großbritannien und der Europäische Gemeinschaft provozieren. Will Cameron
eigentlich einen Verbleib in der EU, vorausgesetzt natürlich Zugeständnisse und
Reformen zugunsten Großbritanniens, fordert Boris den „Brexit“, also den Ausstieg aus der EU. Großbritannien hat eine „great and glorious future“ außerhalb der
EU vor sich, kommentierte er jüngst in einer Kolumne und sichert sich damit bei den
Briten, die insgesamt nicht besonders EU- euphorisch sind, tosenden Applaus.
Mit seiner Anti-EU-Position nimmt Boris Ukip den Wind aus den Segeln, mit seiner Eloquenz und seinem Witz gewinnt er
die liberale Jugend und ein Rededuell zwischen Johnson und dem
Labour-Vorsitzenden Ed Miliband, der in den eigenen Reihen und in den Medien
kaum ernst genommen wird, dürfte der 7:1 Demütigung beim WM-Spiel Deutschland
gegen Brasilien gleichen.
Ed Miliband, Labour-Vorsitzender, hat mit einem Image-Problem zu kämpfen
Hier: Ed vs. Bacon-Sandwich
Lange Rede kurzer Sinn, Boris ist auf
dem Weg nach ganz oben. Dass er gerne der nächste Premierminister wäre und dass
das schon seit langem sein Ziel ist, würde er aber nie zugeben. Aller performance auf dem politischen Parkett entgegen, ist Johnson nämlich nicht auf den Kopf gefallen – ganz im Gegenteil.
Ausgebildet in den Eliteschmieden des Landes (mit David Cameron war er
gemeinsam in Oxford, davor auf der Privatschule Eaton), arbeitete er lange als
Journalist bei namhaften Publikationen wie The Times und Daily Telegraph. Boris
weiß wie der Hase bzw. das politische Geschäft läuft und was die Leute hören
wollen. Seine bewährte Taktik : Sei schlau, stell dich dumm.
The "essence" of Boris Johnson
Ein
britischer Journalist kommentiert das BoJo-Phänomen neulich ziemlich treffend: „You could find Boris standing over a dead
body with a smoking gun and he’d still be able to convince us that it was
“nothing to do with me, old chap.”
Die Frage ist nur, wer am Ende Boris Kugel
abkriegt, David „Dave“ Cameron, die EU oder beide.


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